#SchauHin-Redebeitrag auf der NoPegida-Demo am 9.2.2015 in Berlin: Rassismus-Symptom Pegida

Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes: Der Name der Initiative klingt so absurd und realsatirisch, dass es vielen Menschen schwer fällt, Pegida ernstzunehmen. Häufig wird mit Zynismus und Ironie über dieses rechtspopulistische Bündnis gesprochen, manchmal auch mit ein wenig Scham, aber die dominantesten Zuschreibungen sind in der Regel „bildungsfern“, „Wutbürger“, „ostdeutsch“ oder „besorgte Eltern_Bürger_innen“. Pegida sind aber nicht nur ein paar Tausend nervige Menschen, die „lächerliche“ Demonstrationen besuchen, sondern Ausdruck eines gefährlichen Rechtspopulismus’, der seinen Hass auf die sogenannten „Anderen“ projiziert. Pegida ist eine Ermutigung zum rassistischen Handeln im Alltag, die Konsequenzen zeigen sich bereits: Die Angriffe auf rassifizierte Personen sind enorm gestiegen, das rassistische Klima hat sich verschärft.

Pegida ist kein sächsisches Problem und kein Problem der Arbeiter_innenklasse, sondern gesamtdeutsch und klassenübergreifend. Die Symptome dieser rassistischen Gesinnung zeigen sich schon seit Jahren in allen Schichten und Orten. Unterschiedliche Formen von Gewalt beginnen bereits beim Othering, der Konstruktion eines „Anderen“. Daraufhin folgen Ausschlüsse, Diskriminierung und Übergriffe auf verschiedenen Ebenen. Nicht erst seit, aber verstärkt auch durch Pegida. Die Verantwortung liegt nicht nur in den Händen Ostdeutscher, sondern bei jeder einzelnen Person, die nicht interveniert, sondern wegschaut, wenn diskriminierendes Handeln passiert.

Politiker_innen und Medienmacher_innen reagieren auf Stimmen und Ängste. Doch es sind nicht etwa die Stimmen und Ängste betroffener Personen, auf die endlich gehört wird, sondern die vermeintlichen Ängste der Mehrheitsgesellschaft. Sprechen sich doch noch weiße Poltiker_innen gegen Rassismus aus, wird ihre Meinung gefeiert, während die jahrelange Arbeit anti-rassistischer Gruppen unsichtbar bleibt und nicht wertgeschätzt wird.

Auch der Medienduktus ist problematisch: Anstatt Rassismus konkret zu benennen, wird von Fremdenfeindlichkeit oder Islamkritik geschrieben. Auf dem Blog Shehadistan macht die Autorin Nadia Shehadeh darauf aufmerksam, dass vor Jahren allein die Formulierung „Mensch mit Migrationshintergrund“ als problematischer Begriff verstanden wurde, während heute die Rede wieder ganz unkritisch von „Ausländern“ ist.

Bei der medialen Berichterstattung rund um Charlie Hebdo wurde anti-muslimischer Rassismus nicht nur in der Mehrheitsgesellschaft gefüttert. Selbst vermeintliche Verbündete wie kritische Verlage und öffentliche Personen positionierten sich solidarisch zur Zeitung. Eine kritische Auseinandersetzung mit den rassistischen, homofeindlichen und sexistischen Inhalten des Blatts hat es nicht gegeben.

Wir sind nicht nur gegen Pegida, sondern auch für die Sichtbarmachung und konkrete Benennung von Rassismen in Deutschland: Refugee-Politik, rassistische Polizeigewalt, Racial Profiling, anti-muslimischer Rassismus, Antisemitismus, Kolonialrassismus/kulturelle Aneignung müssen als Unterdrückungsformen anerkannt und bekämpft werden. Nicht nur reaktiv, sondern proaktiv muss Rassismen entgegengewirkt werden, sodass gar nicht erst der Boden für Initiativen wie Pediga entsteht. Es ist immer schön, kollektiv laut zu sein, doch es ist auch wichtig, individuell zu intervenieren und diskriminierendes Handeln im Alltag nicht unkommentiert zu lassen. Zivilcourage, Akzeptanz und Offenheit werden stets gepredigt, doch fehlen in der Praxis häufig.

Unsere Forderungen sind nicht nur im Rahmen von Pegida stark, sondern bleiben auch danach. Denn anschlussfähige Rassismen sind in Deutschland nicht erst seit Pegida ein Problem, sondern sind viel weitreichender.

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