MDR-Figaro heute 22 Uhr: Oury Jalloh – die widersprüchlichen Wahrheiten . . .

Feature | MDR FIGARO | 22.10.2014 | 22:00-23:00 Uhr

*Oury Jalloh – die widersprüchlichen Wahrheiten eines Todesfalls*
*http://www.margotoverath.de/OuryJalloh_2.htm*
Feature von Margot Overath

Siebenter Januar 2005. Dessau, Sachsen-Anhalt. In einer Polizeizelle
verbrennt ein an Händen und Füßen gefesselter Mensch bei lebendigem
Leibe.
Selbst verschuldet, sagen die einen. Ermordet, sagen die anderen. Was
geschehen ist, wird nur gedeutet. Klare Beweise liegen nicht vor. Da
auch
der zweite Prozess vor dem Landgericht Magdeburg keine endgültige
Aufklärung über das Entstehen des Brandes bringt, knüpft die Autorin an
ihre Recherche für ihr erstes Feature zum Fall Jalloh „Verbrannt in
Polizeizelle Nummer fünf“ an und hinterfragt die Ermittlungsergebnisse
erneut.

Journalisten sehen auf einer Pressekonferz in Berlin das Tatortvideo des
Landeskriminalamtes LKA zum Feuertod des Asylbewerbers Oury Jalloh aus
Sierra Leone am 7. Januar 2005 in einer Polizeizelle in Dessau.
Journalisten sehen auf einer Pressekonferenz in Berlin ein Video des
Landeskriminalamtes LKA zum Feuertod des Asylbewerbers Oury Jalloh. Das
Video zeigt den Geschehensort, die Polizeizelle Nummer 5 in Dessau, kurz
nach dem Ereignis im Januar 2005.

Mit Unterstützung von Gerichtsmedizinern, Toxikologen und
Kriminalbeamten
geht Margot Overath Ungereimtheiten nach und bekommt Hinweise auf einen
dritten Mann. Ging es am Anfang um unterlassene Hilfeleistung des
Dienstgruppenleiters, ermittelt die Staatsanwaltschaft Dessau seit 2014
gegen Unbekannt wegen Mordes.

Auszug aus dem Manuskript:

„Frühling 2013. Zum ersten Mal kommt jemand auf mich zu mit einer
Information über einen möglichen Tatverdächtigen. Ein pensionierter
Polizeibeamter aus Halle. Obwohl er die siebzig überschritten hat, sei
ihm
die Lust am Aufklären von Kriminalfällen geblieben, erzählt er mir am
Telefon. Vor einigen Monaten habe ein Mann Kontakt zu ihm aufgenommen,
der
behaupte, Hinweise zu haben, die zur Lösung des Falls führen könnten. Er
nennt ihn ‚Hinweisgeber‘, so wie früher, als er noch im aktiven Dienst
war. […]

An einem Transparent mit einem Porträt des toten Afrikaners Oury Jalloh
geht während einer Protestaktion vor dem Landgericht in Magdeburg ein
Polizist vorbei.
Ein Polizist geht 2012 während einer Protestaktion vor dem Landgericht
in
Magdeburg an einem Transparent mit dem Porträt Oury Jalloh vorbei.

Es sei um Rassismus und sexuelle Demütigung gegangen. Tatsächlich war
der
Unterleib Oury Jallohs besonders tief verbrannt. Die Polizeizeugin Beate
H. ging um 11 Uhr 45 hinunter in den Gewahrsamskeller, weil sie ein
Geräusch von Schlüsseln aus der Gegensprechanlage gehört hatte. Fünfzehn
Minuten, bevor der Brandmelder anging. Ihrem Vernehmungsbeamten sagte
sie
am Nachmittag des Katastrophentages, dass Jallohs Hose geöffnet und
deutlich runtergezogen war. Die Unterhose war zu sehen. Wie war das
möglich? Seine Hände waren gefesselt und zu beiden Seiten gespreizt.

Am Tag danach bespreche ich die Geschichte mit einem Anwalt. Er rät mir,
persönlich die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe zu informieren, was ich
auch tat. Der Generalbundesanwalt nahm meine Informationen an, schrieb
mir
aber später, er sei nicht zuständig. Im Herbst 2013 gab er sie nach
Sachsen-Anhalt zurück. So kamen sie nach Dessau. Von der
Staatsanwaltschaft Dessau erfuhr ich, dass sie den Hinweisgeber
vernommen
und überprüft habe, seine ‚mutmaßlichen Äußerungen‘ aber
situationsbedingt
und für das Ermittlungsverfahren unbrauchbar seien.

Die Staatsanwaltschaft hatte nur den Hinweisgeber überprüft, wollte
wissen
wer der Mann ist. Als ich ihn in der Lobby eines Berliner Hotels traf,
wirkte er hektisch, extrem nervös. Fast eine Stunde lang redete er nur
über Dinge, die mich nicht interessierten. Ich wollte grade gehen, als
er
endlich zur Sache kam:

‚Ich sage nicht, dass er es getan hat. Ich sage nur, er ist der
Schlüssel.
Er verkehrt in den entsprechenden Kreisen‘. Da solle ich recherchieren,
aber ich soll aufpassen, es sei gefährlich.“

Über die Autorin

Margot Overath studierte Sozialwissenschaften und begann 1980 bei Radio
Bremen als freie Reporterin im Jugendfunk. Es war die Zeit der
Hausbesetzungen, der radikalen Proteste und der darauf folgenden
Gerichtsverfahren. In vielen Prozessen saß sie auf der Pressebank und
berichtete. Seit 1984 schreibt sie Radiofeatures für verschiedene ARD
Anstalten. 1997 wurde sie mit dem CIVIS Preis für die Features
„Abgeschoben“ (RB) und „Auf der Flucht. Wie der junge Koudjo aus Togo
doch
noch in Deutschland Asyl bekam“ (DLR/RB) ausgezeichnet. Für „Auf der
Flucht“ erhielt sie ein Jahr später auch den Preis der Internationalen
Journalistenvereinigung (IFJ). Ihr erstes Feature zum Todesfall Oury
Jalloh mit dem Titel „Verbrannt in Polizeizelle Nr. 5“ produzierte die
Featureredaktion des MDR 2010. Es wurde mit zahlreichen Preisen geehrt
(u.a. „Robert Geisendörfer Preis“ und „Marler Medienpreis
Menschenrechte“
von Amnesty International).

Zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2014, 10:57 Uhr
http://www.margotoverath.de/OuryJalloh_2.htm

Oury Jalloh – die widersprüchlichen Wahrheiten eines Todesfalls

Auf Sendung Heute und später:

22.10.14 MDR Figaro 22:00-23:00

22.10.14 rbb Kulturradio 22:04-23:00

02.11.14 WDR 5 dok5 11:05-12:00

16.11.14 NDR Info 11:05-12:00

Oury Jalloh – die widersprüchlichen Wahrheiten eines Todesfalls

7. Januar 2005, Dessau, Sachsen-Anhalt. In einer Polizeizelle verbrennt
ein an Händen und Füßen gefesselter Mensch bei lebendigem Leib. Selbst
verschuldet, sagen die einen. Ermordet, sagen die anderen. Auch der
zweite
Prozess vor dem Landgericht Magdeburg bringt keine endgültige Aufklärung
der Brandursache.

Auf der Anklagebank saß Andreas S., der als Dienstgruppenleiter für Oury
Jallohs Sicherheit zuständig war. Am 18. Dezember 2012 verurteilt ihn
die
Magdeburger Strafkammer zu einer Geldstrafe von 10.800 Euro wegen
Fahrlässiger Tötung. Der Bundesgerichtshof bestätigt das Urteil am 4.
September 2014. Damit könnte der Fall abgeschlossen sein – doch schon
seit
Dezember 2013 liegen neue Hinweise vor, dass Oury Jalloh den Brand nicht
selbst entzünden konnte. Am 3. April 2014 erklärt die Staatsanwaltschaft
Dessau, den neuen Hinweisen in einem gesonderten
„Todesermittlungsverfahren zum Nachteil Oury Jalloh“ nachgehen zu
wollen.

Die Autorin knüpft an die Recherche für ihr erstes Feature zum Fall Oury
Jalloh an und hinterfragt die Ermittlungsergebnisse erneut. Mit der
Unterstützung von Gerichtsmedizinern, Toxikologen und Kriminalbeamten
geht
sie Ungereimtheiten nach und bekommt Hinweise auf einen dritten Mann.

Vor dem BGH in Karlsruhe am 28.08.14: Ein Beobachter des
Revisionsverfahrens bildet aus Plastikfeuerzeugen drei Fragezeichen

http://www.margotoverath.de/OuryJalloh_2.htm

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