Pressemitteilung vom Bündnis gegen Rassismus zur Situation der Geflüchteten auf dem Oranienplatz in Berlin Kreuzberg

Das Bündnis gegen Rassismus solidarisiert sich mit den Geflüchteten am Oranienplatz und mit ihren Forderungen, unterstützt ihren Aufruf zur Demonstration am 15.12.2013 und positioniert sich deutlich gegen die hetzerische Medienberichterstattung in den letzten Wochen. Seit der angedrohten Räumung des Camps am 23. November durch die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Bündnis 90/Die Grünen), nehmen die Berichte, die sich jenseits jeglicher journalistischer Sorgfaltspflicht befinden, kein Ende.
Dass der Protest in den Medien präsent ist, ist sicher lobenswert. Die durch den Protest thematisierten Probleme, unter anderem die Bedingungen, unter denen Asylsuchende in Deutschland zu leben haben, müssen einer breiteren Öffentlichkeit nahegebracht werden. Die Art und Weise, wie dies in letzter Zeit geschieht, ist jedoch höchst problematisch und weist rassistische Kontinuitäten auf.
Innerhalb der Medienberichterstattung geht es in keinster Weise mehr um die Forderungen, die die Geflüchteten seit über einem Jahr des Protests stellen. Stattdessen wird der Oranienplatz zum (angeblich ungeeigneten) Schlafplatz stilisiert und bietet damit eine Projektionsfläche für die scheinbare Sorge um die Gesundheit der Geflüchteten. Plötzlich fällt einigen politischen Entscheidungsträger_innen auf, dass es zu kalt sei, um in Zelten zu schlafen. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die vermeintliche Wohltätigkeit, die der Bezirk zeigen will, indem er eine Notunterkunft als Kälteschutzmaßnahme stellt. Dass die Proteste vieler Geflüchteten sich gegen die für sie tatsächlich unerträglichen Bedingungen in den staatlich organisierten Lagern richten, fällt dabei unter den Tisch.
Zudem wird durch die falsche Darstellung in der Presse ein Bild konstruiert, das den Protest der Geflüchteten delegitimiert: Immer wieder wird der falsche Eindruck erzeugt, es seien nach dem Einzug in die Notunterkunft der Caritas sogenannte neue Geflüchtete hinzugekommen oder überhaupt keine Geflüchteten mehr in den Zelten des Protestcamps. Davon abgesehen, dass dies nicht der Wahrheit entspricht, da die aktuellen Proteste gerade von jenen Geflüchteten getragen werden, die bereits seit über einem Jahr vor Ort sind, sollte diese spalterische Argumentationskette auch nicht zur Delegitimation des Protestes verwendet werden. Noch immer sind Geflüchtete, ob den öffentlichen Medien zufolge nun „die richtigen“ oder „die falschen“ Geflüchteten, auf dem Oranienplatz und kämpfen für die gleichen Forderungen wie vor einem Jahr.
Auch wurde die Bezirksverordneten-Versammlung nicht von „Linksradikalen“ gestürmt; vielmehr war es eine große, heterogene Gruppe an Unterstützer_innen und Geflüchteten. Zudem wurden die Geflüchteten selbst eingeladen, dort zu sprechen, was sie auch taten; offensichtlich wollen die Medien auf die Einladung und auf die von von den Geflüchteten selbst vorgetragenen Inhalte nicht eingehen, wenn von einer „chaotischen Masse linksradikaler Autonomer“ die Rede ist. Diese Tatsache verdeutlicht, dass Geflüchteten keine politische Handlungsfähigkeit zugetraut wird und dient als ein weiteres Ablenkungsmanöver vom eigentlichen strukturellen Problem, auf das die Geflüchteten aufmerksam machen.
Auf diese Weise wird der gesamte Protest entpolitisiert. Das Camp auf dem Oranienplatz ist nicht nur Schlafplatz, sondern von Beginn an ein Ort des Protests – in einer von den Geflüchteten selbst gewählten Protestform (zu der eben auch das Schlafen auf dem Platz gehört). Die Forderungen der Geflüchteten wurden bereits zu Beginn sehr deutlich gestellt: die Abschaffung der Lager- und Residenzpflicht, der Stopp aller Abschiebungen, ein dauerhaftes Bleiberecht, das Recht auf Arbeit, Bildung und selbstbestimmtes Wohnen sowie das Recht auf Bewegungsfreiheit. Um diese Forderungen zu erfüllen, braucht es keine Pseudo-Wohltätigkeit, Sozialarbeit oder „Entwicklungshilfe“ der Caritas und anderer Hilfseinrichtungen.
Wir fordern von den Politiker_innen, dass sie den Geflüchteten auf gleicher Augenhöhe begegnen und ihre Forderungen ernst nehmen, anstatt sie als hilfsbedürftige Opfer ihrer Situation zu behandeln und ihrem Protest mit Delegitimierung und Repression zu begegnen.
Von der Zivilgesellschaft und von Soli-Strukturen fordern wir Zusammenhalt: Lasst nicht zu, dass uns Parteien und Akteur_innen mit eigenen Interessen auseinandertreiben! Wer sich ein Bild machen möchte, kann selbst zum Oranienplatz gehen und mit den Menschen vor Ort reden. Unterstützt die Geflüchteten auf dem Oranienplatz, unterstützt ihren Aufruf zur Demo und kommt am 15.12.2013 um 15 Uhr zur Demonstration vom Protestcamp zum Berliner Innensenat! Freedom has no nation, but a place!
Mit freundlichen Grüßen
Bündnis gegen Rassismus
bundgrass@yahoo.de

http://www.facebook.com/BuendnisGegenRassismus

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Press release of the alliance against racism to the situation of refugees on the Oranienplatz in Berlin Kreuzberg.


The alliance against racism shows its solidarity with the refugees at the Oranienplatz and with her demands, supports her call for the demonstration on 12-15-2013 and places itself considerably against the rabble-rousing media reporting within the last weeks. Since the threatened eviction of the camp on November 23rd by the mayor of Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Bündnis 90/Die Grünen), the reports which are far from any journalistic obligation of truthfully and thoroughnessreporting are not coming to an end.

It is for certain praiseworthy that the protest is present in the media. The by the protest themed issues, including the conditions under which asylum seekers have to live in Germany must be brought close to a wider public. The way how this happens lately is highly problematic and shows its racist continuity.

Within the media reporting it is in no respect any more to the demands that the refugees since over a year of protest calling for. Instead, the Oranienplatz is stylized to a (so called unsuitable) sleeping place, providing a cause for the seemingly concern on the health of the refugees. Suddenly some political decision makers notice that it was too cold to sleep in tents. Attention is focused on the supposed charity the district wants to show by providing an emergency shelter as as an protection against the cold. That the protests of many refugees directed against the for them indeed unbearable conditions in the state-organized lagers, are swept under the carpet.

In addition, a wrong presentatione by the press is formed, constructing an image, which de-legitimizes the protest of the refugees: Again and again, the false impression is created, it had been added so-called new refugees after moving into the shelter of charity, or no more refugees are in the tents of the Protestcamp. Apart from that, that this is not true, because the protest is done by the reugees who are allready since one year in the place, this divisive line of argumentation should also not be used to delegitimize the protest. There are still refugees, whether the public media report that they are „the right“ or „wrong“ refugees, on the Oranienplatz and fight for the same demands as a year ago.

The district council meeting has as well not been conquered by „leftists radicals“, it was rather a large, heterogeneous group of supporters and refugees. In addition, the refugees were even invited to speak there, which they did; obviously the media do not want to report on the invitation and on the contents presented by the refugees themselves, when the media reporting about a „chaotic mass of radical left Autonomous“. This fact shows that there is no confidence that the refugees are able to make a political action themself and serves as a further distraction from the real structural problem, the refugees drawing the attention on.

In this way, the entire protest is depoliticized. The camp on the Oranienplatz is not just place to sleep, but from the beginning a place of protest – in a protestform selected by the refugees themself (the sleeping on the place is only part of the protestform). The demands of the refugees were already made very clear from the beginning: the abolition of the lagers and the residenzpflicht, the stop of all deportations, permanent residence, the right to work, education and self-determined living and the right to freedom of movement. To fulfill these demands, it does not need pseudo-charity, social work or „development aid“ of the Caritas and other helping organisations.

We call on the Politicians that they meet the refugees on an equal eye level and take their demands seriously, rather than to treat them as vulnerable victims of their situation and to counter their protest with delegitimization and repression.

From the civil society and solidarity structures we call for togetherness: Do not tolerate that political partys and actors drive us apart with their own interests! Who wants to make a own oppinion, can even go to the Oranienplatz and talk to the local people. Support the refugees on Oranienplatz, support their call for the demo and comes on 15.12.2013 by 15 clock to demonstrate from the protest camp to Berlin’s Senate! Freedom has no nation, but a place!

Your sincerely,

alliance against racism

(Bündnis gegen Rassismus)

bundgrass@yahoo.de
http://www.facebook.com/BuendnisGegenRassismus

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